Während die Gesetzgebung zur Wärmewende intensiv diskutiert wird, bleibt die Umsetzung auf kommunaler Ebene zurück – oft weit hinter den Zielsetzungen, moniert Verbandschef Ronald Meyer. Er hat gute Ideen zu dem, was möglich ist: wie Kommunen vorangehen und Hausbesitzer ins Wärmeboot holen können.

Ungedämmte Häuser verursachen Wärmeverlust und hohe Heizkosten – wie stellt sich die aktuelle Zwischenbilanz der Gebäudemodernisierung aus Ihrer Sicht dar?
Ronald Meyer: Es passiert zu wenig. In den vergangenen Jahren wurde zwar eine tragfähige theoretische Basis geschaffen, der flächendeckende Transfer in die Baupraxis steht jedoch noch aus. Dem kommunalen Gebäudebestand – von Verwaltungsgebäuden über Schulen bis hin zu Krankenhäusern – kommt hierbei eine Vorreiterrolle zu.
Die Handlungsfähigkeit der Kommunen ist aber allein schon wegen finanziell enger Haushaltslagen stark eingeschränkt. Trotz regionaler Förderprogramme wie etwa „Klimaschutz Plus“ in Baden Württemberg, bleibt die finanzielle Situation angespannt – trotz Förderung liegt das tatsächliche Sanierungsvolumen weit unter dem realen Bedarf.
Sehen Sie dennoch auch Positives im Umfeld der Gebäudesanierung?
Ronald Meyer: Positiv zu bewerten ist der konstruktive Austausch mit mehreren Kommunen und Institutionen, die fundierte Aufklärungsarbeit vor Ort leisten.
Mehr Tempo mit der Methode des „Sanierungssprints“
Wo sehen Sie aktuell den dringendsten Handlungsbedarf?
Ronald Meyer: Es gilt, Hauseigentümern aufzuzeigen, dass sich die energetische Modernisierung älterer Immobilien mit besonders hohem Energieverbrauch – im Fachjargon „Worst Performing Buildings“ – von der ersten Minute an wirtschaftlich rechnet. Wir müssen jetzt genau dort ansetzen, wo der Bedarf und die Wirkung um größten sind.
Was ist hier vor allem wichtig?
Ronald Meyer: Deutlicher Optimierungsbedarf besteht bei der Umsetzungsgeschwindigkeit und der Übernahme von persönlicher Verantwortung. Gelegentlich ist in den Verwaltungen eine Zurückhaltung spürbar, die aus Sorge mangelnder Bürgerbeteiligung oder vermeintlich unzureichenden Handwerkerkapazitäten das Thema „Sanierung“ gar nicht erst anspricht. Diese unbegründete Skepsis führt immer wieder zu Stillstand, den wir uns nicht mehr leisten können.
Was kann man tun, damit es bei der Gebäudesanierung vorangeht?
Ronald Meyer: Die größten Herausforderungen sind eine spürbare Gesamt-Verunsicherung in der Bevölkerung, die lähmende Bürokratie und stark gestiegene Baukosten. Die Lösung liegt in der Standardisierung und Optimierung der Planungs- und Sanierungsprozesse. Mit der Methode des „Sanierungssprints“ ist es möglich, ein Einfamilienhaus innerhalb von nur 22 Arbeitstagen vollständig zum Effizienzhaus kernzusanieren.
Die Skalierungsidee dahinter: Durch die ständige Wiederholung der immer wieder identischen Abläufe erzielen die beteiligten Handwerksbetriebe Routineeffekte, die zu einer signifikanten Zeit- und perspektivisch auch zu einer Kostenreduktion führen. Das stärkt die lokale Wertschöpfung, generiert kommunale Steuereinnahmen und reduziert den Abfluss von Kapital für fossile Energieimporte.
Der „Sanierungskompass“ für Städte und Gemeinden
Was erhoffen Sie von den kommunalen Entscheidern?
Ronald Meyer: Mut zur Kommunikation und Kooperation auf allen Ebenen. Mut, die Herausforderungen beherzt anzugehen. Kreativ sein, trotz begrenzter Haushaltsmittel und Personalressourcen. Im Verband haben wir zur Unterstützung der Städte und Gemeinden einen „Sanierungskompass“ entwickelt – einen praxiserprobten 7-Punkte-Plan.
Erster Schritt: Ein „Runder Tisch“ mit allen relevanten Stakeholdern aus der Region. Um hier als Verband einen Impuls zu setzen, biete ich der ersten Kommune, die sich auf dieses Interview hin meldet, eine honorarfreie Unterstützung bei der Organisation und Moderation eines solchen „Runden Tisches“ an. Die Verwaltung muss lediglich die Räumlichkeiten stellen sowie das Einladungsmanagement und die Öffentlichkeitsarbeit übernehmen.
Wie wird es dann weitergehen?
Ronald Meyer: Im zweiten Schritt folgt die Bildung eines regionalen Handwerker-Netzwerks, finanziert über Qualifizierungsbeiträge der Betriebe. Schritt drei enthält eine Info-Veranstaltung für Hauseigentümer, die durch regionales Sponsoring getragen wird. Man kann auch mit geringstem Budget große Dinge anstoßen. Wichtig ist, dass man den ersten Impuls setzt. Die nächste Heizperiode kommt schon bald.
Best Practices aus Ludwigsburg, Emmendingen und Düsseldorf
Gibt es Best Practice-Beispiele, die als Vorbild dienen, von denen sich andere Kommunen anregen lassen können?
Ronald Meyer: Die gibt es zum Glück. Zum Beispiel Ludwigsburg: Dort wird der Sanierungskompass in enger Kooperation zwischen Stadt, Energieagentur und ortsansässigem Handwerk umgesetzt. Oder der Landkreis Emmendingen: Dort steht die Netzwerkbildung kurz vor dem Abschluss.
Zur dortigen Hauseigentümer-Infoveranstaltung erwarten wir im Oktober 400 Gäste und die Identifikation von mindestens 50 Worst Performing Buildings. Ebenso Düsseldorf: Dort bereiten wir mit der Stadtverwaltung, der Handwerkskammer und der Umweltakademie eine Struktur vor, um ab Frühjahr 2027 in die Großoffensive zu gehen.
Was soll geschehen?
Ronald Meyer: Auch in Düsseldorf streben wir im ersten Schritt 50 Gebäudesanierungen an mit einem Investitionsvolumen von rund 15 Millionen Euro: Das ist Geld, das als Konjunkturmotor in der Region verbleibt und nicht aus der Region abfließt, um damit Öl und Gas zu kaufen. Das ist ein skalierbarer Ansatz, den jede Kommune, jede Stadt in Deutschland eins zu eins kopieren kann.
Interview von Sabine Schmidt
Zur Person
Bauingenieur Ronald Meyer ist Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Gebäudemodernisierung e.V.



